Heute ist ein guter Tag für Satoru Iwata. Nachdem die negativen Schlagzeilen rund um den von ihm geführten Nintendo-Konzern in den letzten Wochen nicht abreissen wollten und einige Spekulanten bereits verkündeten, dass vom 3DS-Dilemma geschwächt der Präsident, der Nintendo mit Wii und DS zu bislang ungeahnten Erfolgen führte, demnächst seinen Hut ziehen müsse, konnte er heute eine Ankündigung machen, die die Gaming-Welt in Atem versetzte: Dragon Quest X wird nicht nur für die Wii erscheinen, die zehnte Auskopplung Japans wichtigster Rollenspiel-Reihe wird auch auf der Wii U veröffentlicht. Zum ersten Mal verletzt Square-Enix die goldene Regel, nach welcher Dragon Quest lediglich auf der marktführenden Konsole erscheine. Das sollte für die nächsten Wochen das Vertrauen in Iwatas neue Hardware stärken. So kann er sich zurücklehnen, bis er in einer knappen Woche erneut auf einer Bühne stehen wird und am 13. September vermutlich Monster Hunter 3 Tri G für den 3DS ankündigen darf. Eine kurze Woche Entspannung, bis die anstehende Tokyo Game Show mitsamt PlayStation Vita-Hype, der bereits seine Duftspur verkündet, erneut seine Stirn in Falten versetzen wird: Hat er wirklich genug zu bieten, um gegen die Konkurrenz und Unkenrufe zu bestehen?
Für das Dragon Quest-Team rund um Yuji Horii neigt sich allmählich ein Tag der extremen Anspannung zu Ende. Sie kennen ihre konservative Dragon Quest-Fangemeinde nur allzu gut und sind sich Bewusst, dass jede kleine Änderung zu Wutausbrüchen führen kann – diesen Fans sollten sie nun schmackhaft machen, dass Dragon Quest X kein traditionelles Rollenspiel japanischer Machart ist, sondern ein waschechtes MMO. Ein Kampf, den sie nur verlieren konnten.
So wundert es nicht, dass heute Morgen um etwa 7:30 Uhr europäischer Zeit die Reaktionen auf die Enthüllung von Dragon Quest X sowohl in Japan wie auch in amerikanischen und europäischen Foren fast durchweg negativ erschallten. Man habe einer traditionsreichen Saga den Todesstoß gegeben, so einige der wie im Internet üblich übertrieben starken Antworten.
Dragon Quest X Online: Rise of the Five Tribes hat das Wort “Online” bereits in seinem Titel. Als erstes Spiel der Reihe wird es intern von Square-Enix entwickelt (mit Nier-Produzent Yosuke Saito an der Spitze) — seit Serienanbeginn wurde die Entwicklungsarbeit zu Fremdentwicklern wie Chunsoft, Arte Piazza oder zuletzt Level-5 abgetreten, während das Team um Yuji Horii die kreativen Entscheidungen traf. Ein großer Schritt also, der durch spielerisch neue Ufer gefestigt wird. Inwieweit das neueste Dragon Quest tatsächlich ein MMORPG wird, ist bislang noch ein Thema hitziger Diskussionen. Fest steht jedoch, dass der Online-Modus der Dreh- und Angelpunkt des Spiels darstellt und weit über in Japan populäre Online-Spiele wie Monster Hunter hinausreicht. Mehr noch: Bislang ist nicht einmal bekannt, ob es tatsächlich möglich sein wird offline zu spielen. Man werde zwar mit NPC-Alliierten anstelle von realen Mitspielern in das Abenteuer ziehen können, ob man dafür aber online sein muss, steht noch offen. Zieht man in einigen Mitstreitern in die Online-Welt hinaus, erkundet man die Landschaften von insgesamt fünf Kontinenten und ebenso vielen Rassen. Trifft man dabei auf ein Monster, wechselt das Spiel in ein Menü-basiertes Kampfsystem, welches den klassischen Dragon Quest-Schlachten ähnelt. Ob es aber tatsächlich auch rundenbasiert sein wird, steht noch offen. Sollten andere Mitspieler, die nicht der Party angehören, zu euch treffen, können sie die Party anfeuern und ihnen somit Buffs gewähren. Obendrein gibt es ein noch nicht näher spezifiziertes Job-System, die Möglichkeit sich ein eigenes Haus zu bauen sowie Dragon Quest-typische Kasino-Minispiele.
Dragon Quest X sei exklusiv für Nintendo-Hardware in Entwicklung. Die Wii-Fassung soll im Laufe 2012 mitsam einer USB-Speichererweiterung in Japan erscheinen, während der Termin der Wii U-Fassung noch mit TBA angegeben wird. Diese soll im Gegenzug optisch überarbeitet sein, aber nichtsdestotrotz Cross-Plattform-Play mit der Wii ermöglichen. Eine 3DS-App sei ebenfalls in Planung. Steuerungsmöglichkeiten bietet der Titel ebenfalls zu Genüge: Wiimote und Nunchuck, Classic Controller und sogar USB-Tastaturen werden unterstützt. Da das Spiel eine eigene Online-Infrastruktur einsetzen wird, muss man sich über Freundescodes und Co keine Gedanken machen. Über einen Europa-Release schwieg man sich natürlich aus; da die derzeitige Situation der Wii nicht die beste ist um ein MMO am Leben zu erhalten, rechnen aber nicht wenige damit, dass wir nur die Wii U-Fassung zu Gesicht bekommen werden.
Doch was heißt all das für die Franchise? Wird Dragon Quest X trotz des ungewohnten Genres auf viele Käufer finden, oder wird zum ersten Mal seit Serienbeginn ein Titel auf die Ablehnung des japanischen Marktes treffen? Wird Dragon Quest auch in der Onlinewelt seinen Charakter bewahren? Final Fantasy XI erwies sich vor beinahe 10 Jahren zwar als ein sehr lukratives Geschäft, die puren Verkaufszahlen der Serien-Geschwister konnte es aber nie auch nur ansatzweise erreichen. Im Falle von Dragon Quest X sind die Begleitumstände jedoch andere: Unter der Final Fantasy-Fangemeinde wurde das Online-Abenteuer immer als Spin-Off betrachtet, es war immer klar, dass die Single-Player-Auskopplungen nicht leiden müssen. Wir erinnern uns: Als Final Fantasy XI angekündigt wurde, war selbst Final Fantasy X noch nicht auf dem Markt. Gleiches geschah mit dem glücklosen Final Fantasy XIV, dessen Ankündigung vor der Veröffentlichung der 13. Serienepisode stattfand. Im Falle von Dragon Quest gibt es jedoch kein alternatives Spiel, welches als Rettungsanker von traditionsbewussten Serienfans dienen könnte. Dragon Quest X ist das nächste große Spiel der Reihe — ob man es mag oder nicht. Wer es nicht wahrhaben möchte, wird wohl noch mindestens 5 Jahre auf ein klassisches Abenteuer warten müssen. Oder probiert eben doch aus ob ihm das Spiel gefällt.
Deswegen verwundert der Schritt der Dragon Quest-Verantwortlichen: Sie machen scheinbar keine halben Sachen, nehmen es dabei aber in Kauf die unbezahlbare Franchise zu bekleckern. Geht das gut?
Bereits einmal waren die Ambitionen von Horii und Co größer als das Durchhaltevermögen der Fanscharen. Als Dragon Quest IX als Ko-Op-Spiel mit Action-Kampfsystem angekündigt wurde, war die Empörung so groß, dass ein Jahr später die Entwickler zurückruderten. Aufgrund der zu Ende gehenden Lebenserwartung der Wii sind ebenso drastische Maßnahmen jedoch nicht zu erwarten. Aber vielleicht erbarmt man sich dem Titel den bisherigen Erwartungen zu trotz einen würdigen Offline-Modus zu spendieren. Das ausgezeichnete Xenoblade Chronicles zeigte eindrucksvoll, wie auch ein MMO-ähnliches Spielkonzept als Einzelspielererfahrung überaus überzeugen kann. Xenoblade ist vor allem auch daher ein gutes Beispiel, weil es zeigt, wie man trotz ungewohnter Inspirationsquellen noch immer das spezielle Gefühl eines JRPGs bewahren kann.
Eines ist sicher: Square-Enix schlägt mit der neuen Richtung von Dragon Quest nicht die sichere Route ein. Wurde die Reihe in der Vergangenheit oftmals Opfer von mehr oder weniger berechtigten Vorwürfen archaisch oder stagnierend zu sein, entwickelt es sich nun auf einmal in eine völlig neue Richtung, die manch einer erahnte, aber an die kaum jemand fest glaubte. Das kann zum Glücksgriff werden. Das kann aber auch ordentlich in die Hose gehen. Spannend wird der Fall Dragon Quest X auf jeden Fall zu beobachten sein — und ich lecke mir bereits die Finger nach den nächsten Informationen.
Eine endgültige Einschätzung fiel mangels Vergleichsmöglichkeiten selten schwerer. Besonders bei einer Marke, die sich über die Jahre hinweg so sehr für Kontinuität bekannt machte wie Dragon Quest. Wie sehen unsere Leser die Neu-Ausrichtung? Wägt der mögliche Erfolg das Risiko ab oder ist Dragon Quest X eine vertarne Chance?
Die erste Runde um die Gunst der Fans mag Yuji Horii verloren haben. Doch Runde 2 folgt bestimmt — und durch mangelnde Überzeugungskraft ist er noch nie aufgefallen.

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Gut geschriebener Artikel, der wohl nicht nur meine Meinung über die Ankündigung zu DQX widerspiegelt. Du hast geschrieben “sowohl in Japan [...] fast durchweg negativ erschallten”. Als ich das gelesen habe, war ich doch baff, denn normalerweise freuen sich die Japaner wie kleine Kinder bei jeder DQ-Ankündigung. Wo hast du diese Information her bzw. was hat die Japaner am meisten aufgeregt? Das es ein Online-Spiel wird?
Laut unserem Redaktions-Japanologen Christopher hatDQX in Japan sogar den netten Kosenamen “dorakue owata” bekommen. Das klingt in der Aussprache ähnlich wie Dragon Quest; mit dem Unterschied das “owata” benutzt wird um zu verdeutlichen, dass etwas den Bach runter geht. (Chris plant übrigens derzeit einen Artikel über japanischen Gamer-Slang).
Bereits die japanische Fan-Reaktion zu DQIX war aufgrund der geänderten Ausrichtung eher verhalten, bei DQX ist das Ganze nun fast schon so etwas wie der SuperGAU.
Ich finde eigentlich, dass DQX recht cool aussieht. Und vor allem gibt es für die Wii sowieso noch kein MMORPG. Ich behalts im Auge und hoffe, dass es nicht failen wird.
Und wie immer: Super Text, wrowa.